Berlin (ots) –
Deutschlands Industrie steht vor großen Aufgaben – aber auch vor neuen Möglichkeiten, die Mut, Tempo und Zusammenarbeit verlangen.
Exportmärkte verändern sich, Energie bleibt teuer, China wird vom Absatzmarkt zum anspruchsvollen Wettbewerber, und Europa muss mehr sicherheitspolitische Verantwortung übernehmen. Trotzdem sollte Deutschland nicht in eine reine Krisenerzählung verfallen, sondern sein industrielles Erfolgsmodell unter veränderten Bedingungen neu verdienen.
Die Hannover Messe 2026, die Weltleitmesse für die produzierende Industrie, zeigte: Europas Industrie sucht noch ihren Weg – aber sie sucht ihn aktiv. Dass sich dort zahlreiche namhafte CEOs und hochrangige politische Vertreter eingebracht haben, ist für Serjoscha Keck ein Signal. Es geht nicht nur um die Zukunft einer Messe, sondern um die industrielle Stärke Deutschlands und Europas.
Herr Keck, Deutschland diskutiert viel über Krise. Sie sprechen zunächst über Stolz auf das deutsche Wirtschaftsmodell. Warum?
Weil wir nicht vergessen sollten, woher wir kommen. Deutschland hat über Jahrzehnte ein beeindruckendes Erfolgsmodell aufgebaut: Ingenieurskunst, industrielle Netzwerke, Qualität und enorme Exportfähigkeit. Damit konnten wir uns vieles leisten: ein gutes Sozialsystem, hohe Standards und Regulierung, die zunächst oft aus guten Gründen entstanden ist.
Was folgt daraus für Deutschland?
Wir müssen unter Berücksichtigung der veränderten Rahmenbedingungen ehrlicher werden. Viele Regeln hatten gute Absichten: Schutz, Nachhaltigkeit, Fairness, Einzelfallgerechtigkeit. Aber wenn Überschüsse kleiner werden, müssen wir prüfen, was dauerhaft finanzierbar ist. Je mehr wirtschaftliche Leistung durch staatliche Strukturen gebunden wird, desto weniger Kraft bleibt für Investitionen, Innovation, unternehmerisches Risiko und Schnelligkeit.
Wir sind also zu langsam?
Ja. Genehmigungen dauern zu lange, Prozesse sind komplex, Daten werden von Behörden mehrfach abgefragt. Häufig liegt das Problem nicht im Ziel der Regulierung, sondern in der Umsetzung. Vereinfachung kann konkret werden: Daten nur einmal abgeben, vereinfachte Regime und Schwellenwerte, praxistaugliche Pauschalierungen, klare Fristen und Genehmigungsfiktionen.
Und was ist mit den Unternehmen selbst?
Auch in der produzierenden Industrie ist über die Jahre viel Bürokratie entstanden: zusätzliche Abstimmungen, interne Freigaben, komplexe Prozesse und doppelte Dokumentation. Auch dort müssen wir einfacher, schneller und klarer werden. Gerade KI bietet hier eine hervorragende Chance, Prozesse zu entschlacken, Routinetätigkeiten zu reduzieren und Entscheidungen besser vorzubereiten.
Wo liegen die Chancen für die produzierende Industrie in Deutschland und Europa?
Erstens im europäischen Binnenmarkt. Wir reden über mehr als 450 Millionen Menschen, hohe Kaufkraft, starke industrielle Vor- und Endprodukte und technologische Fähigkeiten, auf die auch China und die USA angewiesen sind. Daraus entsteht eine Chance für neue Kooperationen, auch mit China. Das gelingt aber nur, wenn wir realistisch und partnerschaftlich auftreten – und bereit sind, dort zu lernen, wo andere schneller oder besser geworden sind, ohne die eigenen Stärken kleinzureden.
Zweitens könnten wir noch stärker in neuen Märkten denken: Indien, Brasilien, Südostasien, Kanada, Teile Afrikas. Unternehmen könnten diese Märkte noch strategischer erschließen und ihre Wachstumserwartungen nicht zu stark auf wenige Regionen konzentrieren. Gleichzeitig müssen wir schnell sein: China ist dort längst präsent. Qualität allein reicht nicht. Wir müssen mit attraktiven Angeboten, Technologie, Finanzierung, Geschwindigkeit und lokalen Partnerschaften überzeugen.
Drittens liegt eine große Chance in produktiver KI. Für die Industrie wird KI dann spannend, wenn sie dort ansetzt, wo Wertschöpfung entsteht: in Entwicklung, Produktion, Qualität, Service und auf dem Shopfloor. Genau hier hat Deutschland einen Vorteil: eine starke industrielle Basis und viel Erfahrungswissen. Wenn es gelingt, dieses Wissen mit KI produktiver zu machen, kann daraus ein Hebel für Wettbewerbsfähigkeit entstehen – und eine Grundlage, um höhere Sozialstandards weiter tragen zu können.
Sind Sie optimistisch?
Ja, aber nicht naiv. Die in Deutschland jetzt auf den Weg gebrachten Reformen sind ein wichtiges Signal. Entscheidend wird aber die konkrete Umsetzung sein. Und der Mut, diesen Weg weiterzugehen. Ein Reformpaket ist kein Endpunkt, sondern ein Anfang. Deutschland muss sein Erfolgsmodell nicht abschreiben. Aber wir müssen es neu verdienen.
Mehr Informationen über KPMG unter:
www.kpmg.com (https://kpmg.com/de/de/branchen/industrielle-produktion.html)
Pressekontakt:
Clemens Reisbeck
[email protected]
www.kpmg.de/im
Original-Content von: KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, übermittelt durch news aktuell
Quelle: ots
