Bezahlen ohne Bargeld: Wie TWINT den Schweizer Zahlungsmarkt neu ordnet

Bargeld wird in der Schweiz zum Auslaufmodell, während Bezahl-Apps und Karten immer mehr in den Vordergrund rücken, was für digitale Anbieter mit Schweizer Kundschaft erhebliche wirtschaftliche Folgen haben kann.

Die Zahlungslandschaft in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Was im Jahr 2017 noch als Nischenprodukt bezeichnet wurde, ist heutzutage zum Mainstream geworden, sei es an der Ladenkasse, in der Gastronomie oder bei privaten Zahlungen im Alltag.

Die Entwicklung des Zahlungsverhaltens in der Schweiz

Einen Überblick über diesen Wandel liefert die Zahlungsmittelumfrage der Schweizerischen Nationalbank. Für die Erhebung im Herbst 2025 wurden rund 2.000 Personen mit Wohnsitz in der Schweiz befragt, die zusätzlich eine Woche lang ein Zahlungstagebuch führten. Bei alltäglichen Zahlungen vor Ort liegt die Debitkarte an erster Stelle, gefolgt von Bargeld und Bezahl-Apps.

Somit sank der Bargeldanteil an Transaktionen auf rund ein Viertel. 2020 kamen Bezahl-Apps noch auf fünf Prozent, zwei Jahre später stieg die Zahl bereits auf elf Prozent. Interessant ist, dass Überweisungen zwischen Privatpersonen inzwischen genauso häufig per Bezahl-App beglichen werden wie mit Bargeld.

Belegt ist zudem, dass sich das Zahlungsverhalten zwischen den Altersgruppen auseinanderentwickelt hat. Bei den unter 55-Jährigen ist der Bargeldanteil seit 2020 um rund 17 Prozentpunkte gesunken, bei den über 55-jährigen Personen um etwa 13 Prozentpunkte. Unternehmen und Plattformbetreiber stehen damit vor der Herausforderung, dass die eigene Klientel maßgeblich bestimmt, welche Bezahloptionen zwingend bereitzustellen sind.

TWINT und die inländische Bankeninfrastruktur

Marktführer unter den Bezahl-Apps in der Schweiz ist TWINT. Im Jahr 2014 gegründet, schloss sich die Plattform zwei Jahre später mit dem Konkurrenten Paymit zusammen. Dadurch bündelten die bedeutendsten Finanzinstitute der Schweiz sowie die Finanzinfrastruktur SIX ihre Kräfte. Genau dieses geschlossene Vorgehen ebnete den Weg für den flächendeckenden Erfolg: Anstelle zersplitterter Einzelangebote etablierte sich ein kundennahes System, auf das nahezu die gesamte Schweizer Bankkundschaft zugreifen kann.

Der direkte Vergleich zeigt, dass sich die Anwendung durch ihre spezifische Architektur abheben kann. Abrechnungen erfolgen unmittelbar über das persönliche Girokonto, wobei es auch möglich ist, Kreditkarten anzubinden. Dass mobile Bezahlverfahren insgesamt ankommen, belegt die Unternehmensumfrage der Nationalbank: Bei der Erhebung im Frühsommer 2023 akzeptierten 59 Prozent der Betriebe Bezahl-Apps im Vor-Ort-Geschäft, gegenüber 40 Prozent bei der ersten Erhebung 2021.

Diese Verankerung im nationalen Finanzsystem ist keineswegs zufällig, sondern wesentlicher Pfeiler der Strategie. Sie garantiert verlässliche Sicherheitsprotokolle, minimiert Missbrauchsrisiken und erlaubt Echtzeit-Abbuchungen. Allerdings grenzt sie das Ökosystem geografisch scharf ab. So setzt bereits die Registrierung auf Nutzerseite ein Konto bei einer Schweizer Bank voraus.

Marktzugang und die Grenzen des Systems

Wer keine Schweizer Niederlassung hat, kann TWINT nicht direkt anbinden, was für Plattformen aus dem Ausland ein echter Marktzugangsfaktor ist. Möglich bleibt der Umweg über einen Zahlungsdienstleister. TWINT nennt dafür unter anderem Adyen, Stripe, Mollie, Nuvei und Checkout, verweist bei ausländischen Shops aber auf entsprechend hohe erwartete Umsatzvolumen. Wo sich dieser Aufwand nicht rechnet, muss der Checkout ohne das meistgenutzte mobile Zahlungsmittel des Landes auskommen, was den Verlust jüngerer, digital affiner Kundschaft bedeuten kann.

In stark regulierten Bereichen zeigt sich dieser Effekt besonders deutlich. Der Schweizer Geldspielmarkt ist ein Beispiel dafür. Seit dem Inkrafttreten des Bundesgesetzes über Geldspiele im Januar 2019 dürfen Sportwetten nur von Swisslos und der Loterie Romande in mehr als einem Kanton oder online angeboten werden. Beide sind an Schweizer Banken angebunden und können TWINT entsprechend integrieren. Internationale Anbieter arbeiten ohne diese Anbindung, weshalb sich ihre Zahlungsangebote strukturell anders zusammensetzen. Eine Übersicht dazu, welche Zahlungswege die in der Schweiz verfügbaren Wettanbieter anbieten, macht diesen Unterschied sichtbar.

Für Konsumenten entsteht dadurch eine zweigeteilte Zahlungslandschaft. Je nach Anbieter stehen unterschiedliche Verfahren zur Auswahl, obwohl die Ursache dafür nicht im jeweiligen Angebot liegt. Entscheidend ist der Zugang zur inländischen Bankeninfrastruktur.

Alternative Zahlungswege und ihre Kosten

Anbieter ohne Zugang zur inländischen Infrastruktur weichen auf drei Wege aus. Der erste ist die Kreditkarte, die zuletzt wieder an Bedeutung gewonnen hat, nachdem sie über Jahre als stabil, aber wachstumsschwach galt. Sie funktioniert grenzüberschreitend und setzt keine lokale Bankbeziehung voraus.

Der zweite Weg sind E-Wallets wie Skrill oder Neteller, die als Zwischenschicht zwischen Konto und Anbieter arbeiten. Der dritte Weg ist Prepaid. Guthabenkarten werden an Kiosk, Tankstelle oder im Detailhandel gekauft und ohne Bankkonto eingesetzt. Für Kunden, die ihre Ausgaben begrenzen oder ihre Kontodaten nicht weitergeben möchten, ist dieses Verfahren eine bewusste Wahl.

Kryptowährungen spielen weiterhin kaum eine Rolle. Ihr Besitz in der Schweizer Bevölkerung wächst zwar, für Zahlungszwecke werden sie nach Angaben der Nationalbank auch 2025 kaum eingesetzt. Wirtschaftlich sind alle drei Ausweichrouten teurer als eine direkte Kontobelastung, da Wechselkursdifferenzen zwischen Euro und Franken, Wallet-Gebühren oder Aufschläge beim Guthabenkauf anfallen. Welche Bedeutung solche Reibungsverluste im digitalen Handel haben, zeigt sich auch daran, wie konsequent Anbieter ihre Apps und Suchfunktionen auf schnelle Kaufabschlüsse optimieren.

Wirtschaftliche Folgen für Anbieter im Schweizer Markt

Im Großen und Ganzen bedeutet es zunächst, dass Unternehmen, die TWINT direkt anbieten wollen, eine Schweizer Präsenz brauchen. Dies kann über eine eigene Niederlassung, einen lokalen Acquirer oder einen Partner mit entsprechender Bankanbindung geschehen.

Entscheidend bei allem bleibt Transparenz. Kunden sollten erkennen können, welche Gebühren und Wechselkurse anfallen. Der Trend selbst dürfte sich fortsetzen. Debitkarte und Bezahl-Apps wachsen weiter, der Bargeldanteil sinkt, und die Unterschiede zwischen den Altersgruppen verstärken sich. Damit wird auch die Lücke sichtbarer zwischen Anbietern, die an das Schweizer Bankensystem angeschlossen sind, und jenen, die es nicht sind.